Eine komorianische Schweizerin

                     Ich bin eine Schweizerin aus den Komoren

Von wo ich herkomme will ich erzählen.

Ich will“. Früher habe ich gedacht: „Kann ich?“ Oder: „Wage ich?“ Oder: “Soll ich?“ Dann habe ich gesagt: „Ich muss“. Oder „Ich sollte“. Oder „Ich möchte“. Nun sage ich: „Ich will“.

Ich will“. Diese zwei Wörter habe ich von Bruno Dörig gelernt. Wie und wann? Das ist eine lange Geschichte die ich einmal erzählen werde, wenn ich will.

                                 Wie ist, wo ich herkomme?

Wo ich herkomme, ist das Meer tiefblau. Die Berge sind dunkelgrün. Und die Leute sind schwarz, selten weiss oder gemischtfarbig.

Die Tage und die Nächte sind gleich lang. Die Sonne geht um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter.

Die Jahreszeiten sind zwei. Trockenzeit ungefähr von Oktober bis Februar und Regenzeit von März bis September.

Es hat Strassen für die Autos, Häfen für die Schiffe und Flughäfen. Keine Eisenbahn und keinen Zug.

 

                             Bis 0,5 Personen pro Quadratmeter

Die Insel, wo ich herkomme, heisst Anjouan. Es ist eine Insel, die zu den vier Komoren-Inseln gehört. Ich bin Anjouannaise und Komorianerin. Die Komoren sind ziemlich kleine Inseln mit ungefähr 500.000 Einwohnern. Ein Drittel wohnt in Anjouan, davon die meisten in drei grösseren Städten an der Küste. Die Städte der Insel sind mit 0,5 Personen pro Quadratmeter sehr dicht besiedelt. 

Die Komoren-Inseln liegen im Indischen Ozean, im Süden Afrikas und Norden Madagaskars.

Das ist, wo ich herkomme.

Wo ich herkomme, reden die Leute komorianisch, das zu achtzig Prozent mit Suaheli verwandt ist. In der Schule lernen sie Mathematik, Geographie und Geschichte in französischer Sprache.

Die Männer tragen den Boubou: das lange weisse Kleid aus Baumwolle von den Berbern und das Cofia, die weisse, fein gestickte Mütze aus Baumwolle. Die Frauen verschleiern sich mit dem rot- oder braunfarbigen „Chiromani“. Der Chiromani ist eine Gewohnheit der Insel Anjouan; die Männer sind stolz, ihn den Frauen schenken zu können. Die Frauen sind froh, ihn zu tragen.

Wo ich herkomme, isst man Fisch und Reis, Gemüse und andere lokalen Produkte. Maniok und Kochbananen dominieren die Alltagsnahrung.

Wo ich herkomme, ist sympathisch. Die Leute sind sehr freundlich, die Armut nimmt ihr Lächeln nicht weg. 

Die Heimat meines Volkes ist wunderschön.

 

 

Die Produktion von synthetischen Düften in der Parfüm-Welt hat die Armut nach Anjouan gebracht.

 

Wo ich aufgewachsen bin, gibt es keine Industrie. Der Anjouanais ist Pflanzer, Fischer, Handwerker oder Händler.

In den Bergen pflanzen die Anjouanais verschiedene Produkte im gleichen Feld und leben davon. Früher pflanzte der Komorianer für seinen eigenen Gebrauch Trockenreis. Kopra, Vanille, Nägeli, Parfümpflanzen wie Ylang-Ylang und Jasmin konnten gut exportiert werden. Heutzutage, kein Anjouanais pflanzt Reis. Die Erde ist nicht mehr produktiv. Für ihren Konsum importieren die Inseln aus Madagaskar und Asien ihren täglichen Reis. Die Länder, die Parfüm produzieren, benutzen synthetische Düfte und kaufen kaum mehr Parfümpflanzen, Anjouan ist sehr arm geworden. Erst in den letzten Jahren verwenden die berühmten Parfumhersteller in Italien, Frankreich und anderswo wieder vermehren die natürlichen Essenzen von Parfümpflanzen.

Seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1976 ist die politische Situation auf den Komoren-Inseln unstabil, die wirtschaftliche Situation desolat. Angestellte des Staates wie Lehrer, Spitalangestellte und Beamte, müssen manchmal acht oder zehn Monate warten, bevor sie ein, zwei oder drei Monatslöhne bekommen können.

Junge Leute, die beruflich weiterkommen wollen, sind gezwungen, ins Ausland

auszuwandern. Allein in der früheren Kolonialmacht Frankreich leben weit über 100.000 Komorianer, die mit ihrem Verdienst im Ausland auch ihre Verwandten in der Heimat unterstützen. Auch in arabischen Ländern oder als Matrosen auf Handelschiffen verdienen zehntausende ihren Lebensunterhalt und den ihrer Verwandten in der Heimat.

Für die militärischen Institutionen und deren Instruktion bekommt die Vereinigte Islamische Republik der Komoren (RFI des Comores) von afrikanischen und arabischen Ländern Hilfe.

Für das Studium nach der Matura erhalten die besten Studenten Stipendien vorwiegend von arabischen Ländern wie Saudi Arabien, Marokko und Lybien, auch in Madagaskar machen viele ihr Studium. Sehr oft legt die ganze Verwandtschaft für das Intelligenteste Geld zusammen, damit sie im Ausland studieren können.

Die komorianische Regierung ist von der Religion dominiert. Das Motto ist Glaube und Toleranz.

 

                         Frankreich, das Vaterland der Komoren

Als ich nach Frankreich auswanderte… ach, ich hasse dieses Wort, so schreibe ich anders. Als ich für das Studium im Jahr 1973 nach Frankreich zügelte, wusste ich nicht genau warum. Ich wusste nicht, was ich machen oder werden würde, wenn ich in Frankreich wäre. Ich war einfach sehr glücklich, nach Frankreich zu gehen. Frankreich war mein Vaterland, „La Métropole“.

Ich durfte nach Frankreich gehen, nachdem ich in der Hauptstatt der Komoren, Moroni, das „Baccalauréat“ – die französische Matura –  bestand. Er war mein Pass nach „La Métropole“. Alle Kosten vom Vaterland bezahlt. Cool; für das Studium waren die Universitäten nur in Frankreich.

Ich wollte nicht meine Heimatinsel verlassen. Nicht unbedingt. Ich war einfach froh, dass ich sie mal verlassen durfte. Ich war nicht traurig, sie zu verlassen. Warum sollte ich? Das habe ich versucht, in meinem autobiographischen Roman „Das Unbekannte des Ozean“ zu erklären.

     

      Was hätte ich gemacht, wenn ich auf den Komoren geblieben wäre?

Das weiss ich jetzt genau. Ich hätte einen tollen und reichen Mann geheiratet und jedes Jahr ein Kind auf der Welt gebracht. Ich hätte vielleicht gearbeitet, ich meine, gearbeitet und Geld verdient. Ich war eine der ersten Frauen, die Geld verdienen durfte. Ich hätte mit Glück als Primarschullehrerin oder als lokale Krankenschwester im Spital arbeiten können.

Aber ich ging nach Toulouse und studierte in der Universität Le Mirail, war das erste Mädchen aus meiner Stadt Ouani, die die Uni besuchte. Cool. Sehr stolz war mein Vater.

Ich bin froh, dass ich vor 1976 von Anjouan wegging. Die Unabhängigkeit hat meine Heimatinsel ungeordnet und sehr arm gemacht und viele Anjouanese trauern der guten alten Zeit nach, als Frankreich das Land regierte.

   

                                     Die Schweiz hat mich adoptiert

Wie kam es, dass ich in die Schweiz ging?

In der Schule lernte ich einiges über der Schweiz. Dann vergass ich sie wieder für viele Jahre. Warum sollte ich an die Schweiz oder an ein anderes Land denken, wenn ich in dem wunderbaren Vaterland Frankreichs war? Für mich existierte kein anderes Land ausser wo ich schon lebte. La Métropole. Dann ist mir in den Ferien in Tunesien die Liebe begegnet. Die Liebe, das Leben der Menschen. Ich liess alles hinter mir, kam mit meinem jüngsten Sohn in die Schweiz und blieb in der Schweiz.

 

Was mache ich in der Schweiz, wie benutze ich meine Alltagzeit?

Diese Frage würde mir niemand auf den Komoren stellen. Dort machen die Frauen, was für die Frau reserviert ist. Alle Frauen machen die gleichen Aufgaben. Im Haus macht sich die Frau für ihren Ehemann hübsch. Den Haushalt machen Angestellte, die glücklich sind, wenn sie für sich und ihre Familie genug zu Essen und hie und da Kleider bekommen.

Dann kommen die Kinder, eines pro Jahr; die Komorianer verstehen nicht, warum sie weniger Kindern machen sollen, wenn Kinder die Hoffnung ihrer Zukunft sind. Die Frau hat genug Kraft und Zeit, die Kinder zu tragen, sie auf die Welt zu bringen und sie ohne ihres Mannes Hilfe aufzuziehen.

In der Schweiz mache ich meinen Haushalt selbst, da ein Haushälter hier viel mehr verdient als ich. Natürlich sorge ich für meinen Ehemann und für meine Kinder, die schon gross sind aber nicht ganz unabhängig. Da ich kein Kind mehr tragen und auf die Welt bringen „will“, benutze ich viele Tage und Nächte mit Schreiben. Ich schreibe gern, mit Computerhilfe. Ich schreibe Gedichte über verschiedene Themen. Auf Französisch, vor allem da Französisch meine zweite Muttersprache ist, aber auch auf Deutsch; meine erste CD, die „Coralie“ lautet, wird auf Deutsch gedichtet. Nun will ich meine Deutschkenntnis verbessern, wenn es möglich wird.

Wenn ich spazieren gehe oder vor dem Computer hocke, geniesse ich mein neues Zuhause die Schweiz, die mich adoptiert hat. Ich gehe in den Kirchenchor meines Dorfes Oberegg singen. Ich gehe mit meinen tollen Kolleginnen turnen. Ich habe nie so viele Kolleginnen und Kollegen gehabt wie seit ich in der Schweiz wohne.   


Hinterlasse eine Antwort


Übersicht / aperçu
  • Kategorien